29/30.06.19

Gestern hat es hier ordentlich geregnet. Das klingt vorerst nicht so erwähnenswert – an sich ist das doch eine schöne Sache, vor allem wenn es so heiß ist. Bei uns fiel aber prompt der Strom und damit auch das Wasser aus. Das ist tatsächlich weniger lustig in einer Martial Arts School in der über 100 Kinder gerne duschen würden oder aus der Kantine gerne etwas zu essen hätten. Der Rekord für die längste Zeit ohne Strom und Wasser lag im letzten Jahr bei 2 Wochen. Man braucht hier schon Nerven von etwas stärkerer Natur^^.

Ich bin jetzt genau eine Woche hier an der Schule und ich darf behaupten, dass kein Training Zuhause jemanden auf das hier vorbereiten kann^^. Die Leute hier sind allerdings einzigartig, es gibt die spannendsten Geschichten, wie manche hier gelandet sind und die Shifus, d.h. die Lehrer hier an der Schule wissen, was sie tun.

30.06:

Es gibt drei Trainingsgruppen:

1. Kung Fu, zu welcher ich gehöre und die einen Shifu hat, dessen Trainingsmoral man wohl sehr kurz mit ‘militärisch’ beschreiben kann. Ob wir Akrobatik lernen, Crossrennen müssen, Powerstreching machen (das Wort ‘Power’ hat sich dort nicht verrirrt, es gibt einen ganz existenziellen Grund, weswegen es da steht und sich von seinem Ursprungsverb respektvoll abgrenzt^^) Formen lernen oder in aller bester Bootcamp-Manier Treppen und Parkplätze unsicher machen, über eine Sache sind sich alle einig, auch wenn jeder dem einen etwas anderes vorzieht: Yuan Shifus Training ist ‘hardcore’ und wir haben es (außer Sonntags) 4-8 Stunden täglich. Ich darf an dieser Stelle nochmal an die etwas stärkeren Nerven erinnern^^.

2. Tai Chi – Heute dazu nur: Wer denkt, dass wäre nur was für ältere Menschen, hat es noch nicht versucht.

3. Sanda – Chinesisches Kickboxen: Man bemerkt hier eher die Abwesenheit von Regeln als das Gegenteil – ähnlich wie Taiboxen, bisschen humaner als MMA

Gestern hat sich unser Shifu außerdem beim Putzen überlegt, er möchte gerne den Computerraum hier in einen Tee-Zeremonieraum umfunktionieren und deswegen sämtliche Schüler mobilisiert, um die ganzen Sachen rauszuschaffen und irgendwo anders unterzubringen. Vorher war der Computerraum nämlich so etwas wie die Tauschbörse der Schüler hier: Was bei der Abreise nicht mehr in den Koffer gepasst hat, ist dort gelandet: Kleidung, Wasserkocher, jede Menge Bücher und Arzneimittel und vieles mehr. Wer etwas gebraucht hat, konnte es einfach mitnehmen. Jetzt steht dort ein großer Tisch für Tee und … ja Tee eben^^. Der Raum beherbergt aber auch den Kühlschrank, der mir gegenüber schon ganz stolz angepriesen wurde, bevor ich mein Zimmer überhaupt bezogen hatte. Dazu muss man sagen, dass dieser Kühlschrank nur durch jahrelange und hartnäckige Bitten der Schüler letztes Jahr erst angeschafft wurde. Jetzt hält das Obst, der Yoghurt und das Eis auch länger, was man hier unbedingt zum Überleben braucht.

Meine zweite Trainingswoche bricht morgen wieder an und vorher wollte ich mir noch die Zeit nehmen, dem Bild von meinem Leben hier ein paar Details hinzuzufügen. Morgen ist Schulter und Armtraining, also wer weiß, wann ich wieder die Kraft finde, einen oder zwei Finger für meinen nächsten Bericht zu heben^^.

Jeder ist hier für sich selbst alleine in sofern verantwortlich: – Das Training ist hart und wie du es bewältigst musst du selber wissen, – Es kommen oft neue Leute und andere gehen (es gibt hier nur einen anderen Austauschschüler der genau den selben Zeitraum bleibt wie ich), das heißt, du musst selber dafür sorgen, dass du Anschluss findest und das bedeutet auch, dass du offener und toleranter mit anderen Kulturen umgehen können musst, als man es gewöhnt ist. Schließlich ist der Ort an dem wir uns befinden für uns alle nicht der Beginn unserer Erziehung. Mit den chinesischen Schülern kann man sich meistens leider auf Grund von Sprachschwierigkeiten eher schlecht als recht unterhalten.

Unter solchen Umständen lernt man einige grundliegende Dinge über sich selbst und jeder einzelne stellt sich irgendwann selbst vor die Frage, weswegen er eigentlich hier ist und damit meine ich nicht, die Verkettung an Ereignissen oder Ideen, die zu dem Hinflug geführt haben, sondern die bewusste Entscheidung hier zu sein, die Sachen anzunehmen und auch hier zu bleiben.

One thought on “29/30.06.19

  1. Ein toller Blog! Wie geht es dir mittlerweile mit der chinesischen Küche und kommst du mit der Sprache zurecht? Ich wünsche dir eine gute Zeit und die nötige Kraft für das harte Training.

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s