04.07.19

In den nächsten paar Wochen ist die Schule hier sehr leer. Die Schulkinder haben Sommerferien und die einzigen, die im Moment auf dem Schulgelände untergebracht sind, sind die Internationals (wie wir sie nennen) und die chinese kids, die hier so eine Art Sommer(-boot-)camp mitmachen. Dass ich nach meiner Abiverleihung direkt aufgebrochen bin, zahlt sich definitiv aus, so dass ich Zeit hatte, noch den richtigen Schulalltag mitzuerleben und schon die basic stands vom Kung Fu zu lernen. So bin ich schon ein bisschen weiter als die anderen Neuen, die in den letzten paar Tagen gekommen sind und lerne seit heute meine zweite Faustform.

Einige Fragen beschäftigen mich hier häufiger. Sobald jemand neu hier ankommt, werden natürlich die üblichen Fragen gestellt: Wo man genau herkommt, was man beruflich macht oder studiert oder auch welche Reisen man schon unternommen hat und wie man auf die Idee kam, zu dieser Schule hier zu kommen (neben dem offensichtlichen Grund, dass diese Schule hier nun mal das günstigste Angebot hat, wenn man Kung Fu in China lernen möchte^^). Wer übrigens darüber noch etwas lesen möchte, sollte unbedingt mal auf der Website: https://smabloggers.com/2019/07/01/my-journey-to-china-to-learn-kung-fu vorbeischauen und meinen Artikel lesen: “My Journey to China to learn Kung Fu”, welchen ich geschrieben habe, bevor ich herkam. Auf der Website schreibe ich hin und wieder auch einen Artikel als Gastautor.

Was mich aber viel mehr interessiert sind nicht die Gründe, die dich hier her geführt haben, sondern die, die dich dazu veranlassen auch zu bleiben. Deswegen spreche ich auch mehr mit den Internationals, die schon länger oder auch schon zum wiederholten Male hier sind. “Wegen des Trainings” reicht mir als Antwort allerdings nicht, weil ganz so einfach ist es nämlich nicht. Die Moral hier (und wie man hier munkelt in ganz China) sieht so aus: Training. Training. Training. Oh, geht nicht mehr? Noch 10 Mal mehr, dann spürst du es nicht mehr. Oder auch: Oh umgeknickt beim gegen den Sandsack treten? Einmal unter den Wasserhahn halten und weiter geht’s.

Ums kurz zu machen: Oh kaputt? Zwei Tage ins Krankenhaus und weiter Training.

Dem International, mit dem Sandsack-Unfall habe ich danach nur gesagt, er solle sich daran erinnern, dass es immer noch sein Körper ist und nicht der von seinem Shifu. Das ist auch ein anderes Beispiel für das bereits mehrmals genannte ‘verantwortlich für sich selbst sein’. Dazu zählt auch der eigene Körper – hier mehr denn je.

Weswegen macht man das also? Geht es wirklich nur darum, sich physisch zu verbessern? Oder darum zu lernen, in einer Kultur zu überleben, die man so akzeptiert, aber deswegen noch lange nicht gut finden muss? Geht es darum sich selbst etwas zu beweisen? Durchhaltevermögen? Glaubt man daran, etwas ändern zu können – den Shifus hier die Anregung zu geben auch mal raus aus dieser Provinz vielleicht sogar raus aus ganz China zu kommen und ihren Horizont) im wahrsten Sinne des Wortes) zu erweitern? Oder ist es wegen der interessanten Leute hier aus aller Welt und den chinese Kids, mit deren Englisch man zwar nicht weit kommt, aber trotzdem die ganze Zeit Späße macht? Für mich ist es wohl von allem ein bisschen. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass vorgestern auch ein Tag war, wo der Gedanke: ‘Sechs Monate sind schon eine verdammt lange Zeit hier’ sehr präsent war.

Aber letztendlich ist es auch bei dieser Sache so: Ich bin selbst dafür verantwortlich, wie ich meine Zeit hier nutze. Nicht nur innerhalb des Training – Versuche ich zum Beispiel ernsthaft die Sprache zu lernen oder verlasse ich mich auf dürftiges Englisch meines Gegenübers und Zeichensprache sowie Googleübersetzer? Viele hier tun das, das Training ist schließlich anstrengend genug. Wie weit ich komme sei mal dahingestellt, aber versuchen will ich es auf jeden Fall:

(Die Wand über meinem Bett, bereits zugepflastert mit chinesischen Schriftzeichen und Übersetzungen)

Ich glaube aber daran, dass da noch eine Menge mehr Sachen hier sind, die ich noch nicht verstanden habe oder die mir auch noch gar nicht aufgefallen sind. Ich glaube, es gibt hier für mich noch eine ganze Menge zu lernen – auch über mich und ich bin mir sicher, dass die 5 1/2 Monate, die ich hier noch habe rückblickend wie ein einziger Wimpernschlag gewesen sein werden. Was nicht heißt, dass es einfach werden wird, aber das ist okay :).

An alle die Zuhause sind oder sich im Urlaub entspannen: Nehmt euch bitte eine Minute in meinen Namen Zeit und schätzt diese vier Dinge: Venünftiges Essen, ein weiches Bett, Leitungswasser, was man vor dem Trinken nicht erst abkochen muss und die Individualität, die in eurer Erziehung hoffentlich gefördert wurde. Wenn man hier in einer Grundschule die Kinder fragt, welches ihr Lieblingslied ist, bekommt man 30 Mal die selbe Antwort – behaltet das im Hinterkopf.

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