28.07.19

Jeder Tag der vergeht, ist einerseits gut und andererseits schlecht. Er bringt mich einerseits einen Schritt näher an die Menschen Zuhause heran und bedeutet einen Tag anstrengendes Training hinter mich gebracht zu haben, aber andererseits ist es auch ein Tag weniger, den ich mit den Menschen hier verbringen kann und den ich weniger habe, um die unzähligen Dinge, die es hier zu lernen gibt, in mich aufzusaugen wie ein Schwamm.

Eine fremde Sprache zu lernen, beinhaltet sehr viel mehr, als nur Vokabeln auswendig und Grammatik verstehen zu lernen, denn die Kommunikation wird keineswegs einfacher, wenn man die Beweggründe und die Mentalität seines Gegenübers nicht kennt. Jeder weiß nur allzu gut, dass man manchmal andere Menschen nicht versteht, obwohl man dieselbe Sprache spricht. Es ist also deutlich leichter, unter den anderen Internationals Gleichgesinnte und echte Freunde zu finden. Trotzdem finde ich es wichtig, sich auch die Mühe zu machen und für kurze Momente auch ein bisschen zu verzweifeln, weil weder mein Chinesisch noch ihr Englisch ausreicht, um sich wirklich gegenseitig auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Das erinnert auf sehr treffende Art an die Kommunikationsmodelle aus dem Deutschunterricht – quasi praktische Anwendung ;).

Mir ist außerdem erst vor kurzem aufgefallen, dass ich das erste Mal seit langer Zeit keine Termine in der unmittelbaren Zukunft habe. Keine Klausuren oder Tests, keine Hausaufgaben, keine Präsentationen oder auch Coupertests. Wenn ich Chinesisch oder Kung Fu lerne, dann mache ich das auf eine noch viel greifbarer Art nur für mich. Sein Lerntempo musst man selbst für sich finden.

– Und: Ich bin direkt nachdem ich mein Abiturzeugnis in die Hand gedrückt bekommen habe, hier her gekommen und das erste Mal seit 12 Jahren interessiert es weder mich, noch irgendwen sonst, was da drauf steht. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, jetzt schon zu studieren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das hier meine einzige große Reise bleiben wird. Dinge Zuhause zu lernen ist das eine, tatsächlich draußen in der Welt zu sein und bewusst -und auch viel unterbewusst- Eindrücke in sich aufzunehmen und auf sich alleine gestellt zu sein, etwas ganz anderes.

Langsam fangen die Menschen an zu gehen, die nur für einen Monat hier sind und es ist seltsam, wenn um einen herum die Gesichter langsam verschwinden, die man am Anfang hier vorgefunden hat. Kein Mensch ist wie der andere und trotz 8 Stunden Training 6 Tage die Woche und vollständig durchgetakteten Tagesplänen mit unzähligen -mehr oder weniger nötigen- Meetings, bei denen man antreten muss, wie beim Militär, -trotz all dem ist kein Tag hier wie der andere.

Ich hoffe ihr vergesst das nicht. Könnt ihr euch abends drei kleine schöne Dinge ins Gedächtnis rufen, die euch an diesem Tag passiert sind? Könnt ihr von euch behaupten, dass ihr morgens mit dem Gedanken in den Tag startet, dass heute ein besonderer Tag ist, einfach weil heute jetzt und damit ungewiss ist. Man kann nicht beeinflussen was für Steine einem das Leben in den Weg legt, aber man kann sich dafür entscheiden drüberzusteigen oder dagegen zu treten und einen sehr schmerzhaften Zeh zu ernten und fluchend auf dem anderen Fuß herum hopsen zu müssen – metaphorisch gesprochen ;).

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