Wofür macht man das eigentlich? Also das ‘nach-China-Gehen-um-dort-Kung-Fu-zu-lernen’? Natürlich für sich selbst, aber was bringt einem diese Zeit, gerade wenn man länger hier ist?
Viele Menschen, die es hier länger hält, wollen später auch etwas in diese Richtung tun. Selber Kung Fu unterrichten in ihren Heimatländern oder mit einem Performance-Team durch die Umgebung streifen. Da scheint es doch ganz logisch, sich hier an diesem Ort intensiv ‘fortbilden’ zu lassen.
Was ist aber, wenn man lange Zeit hier ist und nichts der gleichen tun möchte? Was reizt einen daran Matrial Arts ‘zu studieren’?
Oft ist hier das Thema der Gespräche, wie lange wer hier bleibt und wer wann wiederkommt oder wie viel man noch schafft, von dem was man lernen möchte in der übrigen Zeit.
Im Allgemeinen messen viele Menschen ihre Zeit oft in Wert: “Wenn ich jetzt so und so lange diesen Job behalte, bekomme ich so und so viel Geld für Dinge, die ich wirklich will” oder “wenn ich das und das jetzt länger mache, dann macht sich das gut im Lebenslauf” oder auch “ich bleibe jetzt noch so lange in diesem (bitte negatives Adjektiv einfügen) Job, bis ich endlich befördert werde”.
Es ist, als hätten es die meisten Menschen völlig verlernt, einfach ihre Zeit für das zu schätzen, was sie in diesem Moment ist und nicht dafür, wie sie sich so optisch im ‘CV’ macht oder wie viel sie denn umgerechnet in Scheinen wert ist. Es ist doch völlig unerheblich für den aktuellen Moment, wohin einen der Weg möglichmöglicherweise in fünf Jahren geführt hat.
Ich verstehe durchaus, dass man Medizin studieren muss, wenn man Doktor werden möchte oder ähnliches, aber ich verstehe nicht, warum man studiert, um Doktor zu werden und nicht um – zumindest für diesen Moment – einfach zu studieren. Man verbringt so viel Zeit, mit dem Studieren, dass einem doch auch das Lernen Spaß machen muss – oder? Ganz ehrlich: Wie soll man denn ‘Doktorsein’ mögen, wenn einen das Wissen und lernen auf dem Weg gar nicht gefällt. Jetzt schweife ich etwas ab in eine ‘der Weg ist das Ziel’-Diskussion^^.
Was ich sagen möchte ist eigentlich, dass es nicht darauf ankommt, ob man jetzt schon ein Ziel im Auge hat und vieles, was man tut, auf dieses Ziel heraus läuft. Warum sollte man nicht das tun, was man gerade in diesem Moment für sinnvoll erachtet?
Vergesst über den Gedanken an die Zukunft bitte nicht die Gegenwart bzw die unmittelbare Zukunft, wenn ihr so wollt.
16.10.19
Sich intensiv mit Martial Arts und der damit verbundenen Kultur auseinander zu setzen lehrt einen deutlich mehr als die Sache an sich. Vor allem lehrt einen aber das länger in einer ganz anderen Kultur Leben, dass man bestimmte Dinge gar nicht braucht, die in der Heimat-Gesellschaft für erstrebenswert erklärt wurden. Man lernt, dass man, um zufrieden zu sein, vielleicht ganz andere Dinge braucht, die weniger materieller Natur sind.
Natürlich gibt es auch in der anderen Kultur Wertvorstellungen und vorgedichtete Lebensträume, aber diese betrachtet man aus einer Distanz, weil man nicht von klein auf mit ihnen aufgewachsen ist.
Auch hier muss man natürlich an sich arbeiten und nicht andere Menschen als Maßstäbe nehmen, aber es scheint an diesem Ort, dass es eigentlich immer um das ‘Jetzt’ geht und nicht um das ‘morgen, übermorgen oder in einem Monat’. Natürlich freut man sich, dass morgen Sonntag ist (wenn dem so ist), aber man freut sich eben auch über jede einzelne überstandene Traningseinheit, jeden kleinen Erfolg währenddessen und jeden kleinen Moment eingekuschelt im eigenen Bettchen (es wird langsam kalt hier^^) und das mit einer Intensität, die einem aus dem normalen Alltag völlig fremd ist.
Manchmal muss man Schmerzen haben, um die Momente schätzen zu können, in denen man keine hat.
Einmal mindestens muss man beim ‘vom Stehen in die Brücke gehen’ auf den Rücken fallen, damit man weiß, dass es nicht so schlimm ist, dass man keine Angst haben braucht und dass es ein Erfolg ist, wenn man es schafft.
Manchmal muss man in dem Moment leben, auch wenn man gerade minutenlang Kniebeugen halten muss oder auch eine Stunde im rumpelnden Bus sitzen muss, um in die Stadt zu kommen – und meistens geht das am besten, wenn man nicht alleine ist.
Dieser Ort hier ist eben etwas ganz Besonderes und hilft den Menschen auch noch zurück in ihrem eigenen Zuhause, die Dinge zu erkennen, die dieses Zuhause zu etwas ganz Besonderem machen.