12-13.08.19

Morgens steht man gähnend sechs Stockwerke tiefer auf dem Hof und fängt mit dem ersten Warm Up des Tages an, während das Morgenlied aus allen Lautsprechern schallt und die Glocke noch nicht einmal sechs Uhr geschlagen hat.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich klein war und gedacht habe, mein Onkel scherze wohl, nachdem er mir und meiner Cousine bei einer Übernachtung eröffnete, er wolle uns am nächsten Tag um sieben Uhr zum Frühsport wecken. ‘Frühsport?’ Hat mein jüngeres Ich gedacht: ‘Wer macht denn sowas freiwillig?’ Ich war felsenfest davon überzeugt, dass mein Onkel sich das Wort soeben ausgedacht hatte, um uns abends früher ins Bett scheuchen zu können.

Tja, so spielt das Leben^^. Man muss allerdings sagen, dass man deutlich mehr vom Tag hat, wenn man so früh aus den Federn geholt wird. – Mehr vom Tag um Treppen rauf und runter zu rennen, im Frogjump oder Spiderwalk durch die Trainingshalle zu schnaufen, durch Dörfer und über Berge zu rennen, die Stockform zum 177 Mal zu wiederholen und sich trotzdem immer noch fast den Schädel mit dem Ding einzuhauen, Kicks zu üben, Headflips zu trainieren, Brücke/Plank/Mabu (Kung Fu Stellung) auf Zeit zu halten und und und und und, bis man erschöpft nach einer rekordverdächtig schnellen Dusche mit der Nase zuerst ins Bett fällt für den Mittagsschlaf. Und was danach kommt liegt natürlich auf der Hand: sechs Stockwerke runter – nächste 3-Stunden-Einheit des Tages. Was einen da erwartet? Ein Geheimnis, das sich mir auch nach beinahe 2 Monaten noch nicht eröffnet hat. Und abends trifft man sich dann -dreimal dürft ihr raten-: Zum Traineren, besser gesagt zur Freetrainingszeit in der Trainingshalle und übt Akrobatik oder macht Bauchtraining mit der Chinesisch-Lehrerin (老师 – laoshi). Das man am Ende des Tages wieder mit der Nase zuerst auf seine Matratze fällt, liegt dann schon beinahe auf der Hand.

Wenn ich so von meinem Tag erzähle, kommt es nicht selten vor, dass die Menschen denken, ich käme A: als gefährlicher Ninja, B: als Muskelpaket oder C: als Supersportler wieder. Tatsächlich muss ich alle drei Theorien enttäuschen. Jeder Mensch, der hier her kommt, verbessert sich für sich selbst stark in Kongruenz zu der Zeit, die er oder sie hier verbringt, aber niemand, der vorher noch nie Kung Fu gemacht hat oder Sanda oder Tai Chi kommt hier auf ein Level, dass man erwarten könnte, wenn man nur 7-8 Stunden Training am Tag hört und keine Vorstellung hat, wie unnatürlich sich die Bewegungen anfühlen, wenn man nicht bereits als Kind angefangen hat. Es geht darum, sich selbst zu verbessern und sich Mühe zu geben und auf seinen Körper Acht zu geben.

Bestimmt haben viele schon einmal den Satz gehört oder auch schon selbst gesagt: ‘Meine Kinder werde ich früh zum Turnen, Tanzen oder ähnlichem schicken, damit sie dann später auch etwas können!’ Ich bin mir da nicht so sicher. Wenn man die einzige Person ist, die Erwartungen in sich setzt ihre Fortschritte betreffend und dadurch dass man selbst verantwortlich ist und man sich selbst aussuchen kann, für was es sich zu schwitzen und zu kämpfen lohnt, bekommt man ein ganz anderes Gefühl im Umgang mit dem Leben. Wenn man sein eigener Antrieb auf seinem ganz eigenen Weg ist, dann hat man das Gefühl, sobald man etwas wirklich wirklich will, dann kann man es auch schaffen. Und dieses Gefühl würde ich persönlich nicht gegen eine einzelne Fähigkeit eintauschen, die mir möglicherweise irgendwann gar keine Freude mehr macht.

Den eigenen Pfad zu finden und zu gehen und ihn auch dann noch tapfer weiter zu verfolgen, wenn er einen durch unwegsames Gelände führt und man so viele angenehmere und gut ausgertetene Wege sehen kann, ist eine Herausforderung, die jeder in seinem Leben selbst für sich und auf seine Art und Weise meistern muss. Ich habe den größten Respekt vor den Menschen, die ihren Weg gehen. Ob nun ein sanfterer Wanderpfad oder einen schweren Abhang voller Steine hinauf.

Und dazu weiß man auch, wenn man seinen eigenen Weg geht, dann kann man auch nicht überholt werden ;).

Ideal ist es natürlich, falls man dann doch auch auf seinem Weg die sprichwörtlichen Steine findet, wenn man durch Menschen in seinem Leben Rückenwind hat. -Dankeschön 😉

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